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Graz: Tagung über Franziskaner im NS-Widerstand
Am 16./17. Oktober 2015 fand in Graz das Symposium „Widerstand – Martyrium – Erinnerung“ statt. Es ging um den Widerstand von Franziskanerinnen und Franziskanern gegen das Regime des Nationalsozialismus. Vor 70 Jahren wurden die beiden österreichischen Franziskaner Kapistran Pieller und Angelus Steinwender von den Nationalsozialisten ermordet.


Graz, 20.10.2015 (KAP) Der Widerstand von Franziskanerinnen und Franziskanern gegen das NS-Regime stand im Mittelpunkt einer Tagung in Graz. "Es wird nie der Punkt erreicht sein, an dem genug über die NS-Zeit gesprochen wurde", so P. Oliver Ruggenthaler, Provinzial der Franziskanerprovinz Austria, in seinen Worten zur Eröffnung des Symposions, bei dem vor allem die konkreten Lebenszeugnisse von Ordensfrauen und -männern im Mittelpunkt standen.

Anlass für die international besetzte Veranstaltung war das Gedenkjahr 2015: Vor 70 Jahren wurden die beiden österreichischen Franziskaner Kapistran Pieller und Angelus Steinwender von den Nationalsozialisten ermordet. Die Gestapo verhaftete am 6. Juli 1943 Provinzial P. Steinwender im Wiener Kloster, am 23. August holten NS-Schergen den Eisenstädter Hausoberen P. Pieller. Sie waren Mitglieder der NS-Widerstandsorganisation "Antifaschistische Freiheitsbewegung Österreichs" (AFÖ). Am 11. August 1944 wurden beide Patres sowie weitere Widerstandskämpfer zum Tod verurteilt. Begnadigungsbitten des Wiener Kardinals Theodor Innitzer blieben erfolglos. Als sich der Frontverlauf immer mehr dem Wiener Stadtgebiet näherte, mussten die noch im Landesgericht Wien Inhaftierten am 5. April 1945 abends zu Fuß in Richtung Stein/-Donau marschieren. Nach mühevollem Marsch trafen sie am 9. April 1945 im Zuchthaus Stein ein. Am 15. April 1945 ließ die SS die Gefangenenzellen im Gefängnis Stein öffnen und schleppte je zwei Häftlinge in den Gefängnishof, wo sie erschossen wurden. Unter ihnen waren auch Steinwender und Pieller. Die beiden Patres fanden ihre letzte Ruhestätte in einem Massengrab in Stein. Die Franziskaner bemühten sich vergeblich um die Leichen ihrer Mitbrüder. Im Wiener Franziskanerkloster befindet sich ein Gedenkstein für P. Steinwender und P. Pieller.

Eine weitere Persönlichkeit des franziskanischen Widerstands war P. Zyrill Fischer (1892-1945), der in seinen Schriften stets gegen den Nationalsozialismus aufgetreten war. Bereits 1924 leitete er von Wien aus eine katholische "Beobachtungstelle" der Operationen der Nationalsozialisten in Deutschland. Sofort nach dem Einmarsch verließ er Österreich. Von Kalifornien aus beobachtete er die weitere Entwicklung in Europa. Fischer starb am 11. Mai 1945.

Auch selige Sr. Restituta war Thema

Auch Sr. Restituta Kafka stand bei der Tagung im Mittelpunkt. Sie war 1915 in den Orden der Franziskanerinnen der christlichen Nächstenliebe ("Hartmannschwestern") eingetreten, ab 1919 war sie im Krankenhaus Mödling als OP-Schwester tätig. Die Folgen des "Anschlusses" an Hitlerdeutschland 1938 waren auch im Spital zu spüren. Schwester Restituta war aufgrund ihrer offenen Ablehnung des neuen Regimes - sie weigerte sich etwa, die Kruzifixe der Krankenzimmer zu entfernen - im Visier der Gestapo. Ein Spitalsarzt denunzierte sie nach der Vervielfältigung eines pazifistischen Soldatenliedes und eines Bericht über eine Bekenntnisfeier der Katholischen Jugend im Freiburger Münster: Die Ordensschwester wurde am 18. Februar 1942 verhaftet, am 29. Oktober 1942 zum Tod verurteilt und am 30. März 1943 im Wiener Landesgericht enthauptet. Seliggesprochen wurde Maria Restituta von Papst Johannes Paul II. am 21. Juni 1998 in Wien. Sie ist die einzige von einem NS-Gericht zu Tode verurteilte Ordensfrau in Österreich.

Der Titel des Symposions lautete "Widerstand - Martyrium - Erinnerung. Franziskanische Reaktionen auf den Nationalsozalismus".
Vortragende waren u.a. die Grazer Kirchenhistorikerin Michaela Sohn-Kronthaler, der Innsbrucker Dogmatiker Roman Siebenrock und die Jägerstätter-Expertin Erna Putz sowie die Hartmannschwester Edith Beinhauer. Unter den Teilnehmern waren u.a. der emeritierte Grazer Bischof Egon Kapellari und der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, Reinhold Esterbauer.

Auf dem Tagungsprogramm stand u.a. auch ein gemeinsames Gebet in der Franziskanerkirche für alle Opfer von Terrorismus und Diktaturen. Die Veranstalter luden weiters zur Filmvorführung von "Der neunte Tag" von Volker Schlöndorff ein - ein Drama über die Verfolgung regimekritischer Geistlicher in der NS-Zeit. Weiters wurde bei der Tagung u.a. auch das Lebenszeugnis von Franz und Franziska Jägerstätter thematisiert.

Veranstalter waren die Franziskanerprovinz Austria, die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Graz und die Grazer Schulschwestern (Franziskanerinnen von der Unbefleckten Empfängnis).

Kathpress-Tagesdienst Nr. 249, 20. Oktober 2015


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