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Votum gegen religiös motivierte Gewalt
Auf Anregung der franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog hat das „Berliner Forum der Religionen“, ein Zusammenschluss von Menschen aus 100 Berliner Religionsgemeinschaften, spirituellen Gruppen und religionsübergreifenden Initiativen, während einer Konferenz am 16. November 2015 im Berliner Rathaus eine Votum gegen religiös motivierte Gewalt verabschiedet und veröffentlicht. Die Konferenz, an der über 130 Menschen unterschiedlicher Religion teilnahmen, beschäftigte sich mit religionsübergreifenden Fragen im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik.


Berliner Forum der Religionen Votum gegen Gewalt

1. Aus Anlass der Anschläge u.a. von Paris und Beirut verurteilen wir alle Gewalt, die im Namen von Religionen in allen Gegenden der Welt verübt werden.
2. Wir beten für die Opfer, trauern mit den Angehörigen der Opfer und wünschen den Verletzten baldige körperliche und seelische Genesung.
3. Wir stellen fest: Menschen die „im Namen Gottes“ Gewalt und Terror über andere Menschen bringen missbrauchen die Religion als vermeintliche Legitimation ihres menschenverachtenden Handelns. Wir lehnen es grundsätzlich ab, Terror und Gewalt religiös zu rechtfertigen.
4. Wir stellen uns schützend vor unsere muslimischen Geschwister: Wir lehnen jede Generalverdächtigung und jede pauschale Verurteilung ab.
5. Wir stellen uns vor die Menschen, die schutzsuchend in unser Land kommen: Flüchtlinge sind Opfer jenes Terrors, den Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“ im Nahen Osten, in Europa oder in Afrika verbreiten.
6. Wir stehen an der Seite der Menschen, die aus religiösen Gründen diskriminiert, verfolgt, vertrieben oder getötet werden.
7. Wir appellieren an die Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger der Staaten, besonnen zu handeln und geeignete Mittel zu finden, die Spirale der Gewalt und des Hasses zu durchbrechen, z.B. durch den Stopp von Waffenlieferungen. Mit Krieg schafft man keinen Frieden. Wir haben den dringenden Wunsch, dass die Menschen in aller Welt in Frieden und Solidarität zusammenzuleben.

Bestürzung und Trauer

Schon am Samstag hatte die franziskanische Initiative 1219. Religions- und Kulturdialog ihrer Bestürzung über die Gewalt in Paris und Beirut Ausdruck verliehen und darauf hingewiesen, dass sowohl Papst Franziskus als auch der Leiter der muslimischen Universität in Kairo, Imam Ahmed al-Tajeb, dass Gewwalt gegen Menschen allen religiösen Prinzipien zuwiderläuft.

Wörtlich heißt es in der Stellungnahme: Groß ist die Bestürzung und die Trauer über die Terroranschläge in Paris. Als Christinnen und Christen beten wir für die Opfer und ihre Angehörigen und stehen solidarisch und geschwisterlich an ihrer Seite. Als Organisation, die dem Frieden zwischen den Religionen verpflichtet ist, warnen wir vor dem Reflex, nun pauschal den Islam oder die Muslime für die Taten verantwortlich zu machen und Menschen muslimischen Glaubens unter Generalverdacht zu stellen. Die Täter von Paris sind menschenverachtende Terroristen, die Freiheit und Toleranz nicht ertragen und mit unglaublicher Brutalität bekämpfen. Diese Taten mit Regeln der Religion zu rechtfertigen ist unerträglich.

Imam Ahmed al-Tajeb, der Leiter der islamischen Azhar-Universität in Kairo und einer der hohen theologischen Autoritäten des sunnitischen Islams, hat die Anschläge von Paris sofort verurteilt. “Solche Taten laufen allen religiösen, humanitären und zivilisierten Prinzipien zuwider”, sagte er im ägyptischen Fernsehen. (Spiegel-Online, 14.11.2015, 17.00 Uhr)
Papst Franziskus wies darauf hin, dass es für solche Taten keine Rechtfertigung gebe, „weder eine menschliche noch eine religiöse.“ (Radio Vatikan, 14.11.2015, 17.00 Uhr)

Gemeinsam mit allen Menschen dieser Welt, die in Frieden und Freiheit leben wollen, müssen wir dazu beitragen, dass die Spirale der Gewalt endlich unterbrochen wird. Rachegedanken sind nicht geeignet, Konflikte zu lösen. Nicht Reflexe, sondern die rationale und pragmatische Analyse der politischen Situation sind geeignet, weiteres Blutvergießen unschuldiger Menschen zu verhindern. Frieden wird nicht durch Krieg geschaffen.

Dr. Thomas Schimmel


Medienexperte kritisiert Berichterstattung zu Anschlägen in Paris
Folgen des Marktdrucks
Fotos von den Opfern in der Pariser Bataclan-Konzerthalle - eine deutsche Boulevardzeitung druckte sie ab.


Für den Medienexperten Bruder Paulus Terwitte driftet die Berichterstattung bisweilen ins Maßlose ab, wie er gegenüber domradio.de erklärte.

domradio.de: Inwiefern spielen die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates mit den Medien?
Bruder Paulus Terwitte: Die Medien brauchen natürlich das, was außergewöhnlich ist. Je schlimmer etwas ist und je unsäglicher das Leid ist, desto mehr muss darüber berichtet werden. So sieht die Logik der Medien in einer Welt aus, in der doch eigentliches vieles in Ordnung. Es muss dann aber gezeigt werden, was nicht in Ordnung ist. Und leider, leider ist die Grausamkeit eine "gute Nachricht".

domradio.de: Wo sind die Grenzen zwischen Berichterstattung und eben diesem den Terroristen in die Hände spielen?
Bruder Paulus Terwitte: Ich habe jetzt auch diese Zeitungsmeldungen verfolgt, beobachte das Internet und schaue Nachrichtensendungen und frage mich, ob das nicht auch ein bisschen übertrieben ist. Ich stelle fest, dass es zu viel Berichterstattung gibt. Wir brauchen nicht zum hundertsten Mal zu hören, wie jemand verzweifelt ist und weint. Es reichen auch drei Bilder, es müssen nicht 20 sein. Eine Verwüstung kann man sich auch vorstellen, ohne dass man Bilder sieht, auf denen sogar noch die Toten abgebildet sind. Ich glaube, dass die Medien in diesen Tagen die Aufgabe der ruhigen, verhaltenen und besonnenen Aufklärung haben. Wir müssen wissen, was da geschehen ist. Aber gleichzeitig müssen sie uns auch davor schützen, dass wir denken, da ist jetzt etwas geschehen, was es vorher noch nie gegeben hat und was so schlimm ist, dass die ganze Welt bedroht ist.

domradio.de: Wenn so eine Katastrophe passiert, inwiefern tragen die Medien dazu bei, dass sich auch die Rhetorik immer weiter hochschaukelt? Am Ende war dann sogar aus dem Munde des Papstes am Wochenende vom dritten Weltkrieg zu hören.
Bruder Paulus Terwitte: Ich glaube, dass man in dieser Situation einfach Wörter finden muss, für das, was noch nie dagewesen ist. Dass aus Kriegsregionen Gewalttaten, die dort an der Tagesordnung sind, mitten in das Herz von Europa transportiert werden, ist sicher eine neue Dimension. Aber wenn wir die Dimension wissen, dann kennen wir die auch. Und wir müssen natürlich auch wissen, dass Sicherheitsmaßnahmen nicht dazu geführt haben, solche Aktionen plötzlich unmöglich zu machen. Auch über diese Verwundbarkeit unserer eigenen Sicherheit muss berichtet werden. Das ist überhaupt keine Frage. Dadurch dass im Medienbereich sehr viel privatisiert ist und auch Geld verdient werden muss, wird natürlich immer mehr davon gesprochen. Es muss offenbar immer mehr davon gezeigt werden, damit man noch mehr Sendezeiten hat und noch mehr Kapazitäten nutzen kann. Hier existiert sicher auch bei den Medien ein Marktdruck.

domradio.de: Es gibt jetzt immer wieder neue Experten und Warnungen vor neuen Anschlägen. Wohin führt das? Begeben wir uns in kollektive Angst?
Bruder Paulus Terwitte: Tatsächlich bin ich auch selber verunsichert, weil ich diese Experten registriere und mich frage, warum sie ständig im Fernsehen zu hören sind und ständig in den Medien Präsenz zeigen. Sind sie nicht genug gehört worden? Und sind sie am Ende von den Praktikern der Politik und des Sicherheitsdenkens unseres Staates einfach nicht als die Fachleute anerkannt? Da gibt es sicherlich auch Menschen die sich als sogenannte Experten profilieren wollen, die nun eine Plattform bekommen. Ich würde mir wünschen, dass da auch von Seiten der Politik die Besonnenheit, die jetzt notwendig ist, dadurch gefüttert wird, dass man in einer ordentlichen Medien- und Öffentlichkeitsarbeit das Für und Wider von Sicherheitsmaßnahmen in unserem Staat darstellt.

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel.

Quelle: www.domradio.de


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