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Prophetisches Netzwerk der Ordensleute
Eines ist klar: So wie es ist, so kann und wird es nicht weitergehen. Das Ordensleben in Deutschland steht an einem Wendepunkt. Gemeinschaften werden älter und kleiner, Aufgabenfelder werden über- und aufgegeben. Grund zur Resignation – oder zum Entwickeln neuer Visionen und Kräfte.

Rund 20 Ordensleute aus verschiedenen Gemeinschaften trafen sich vom 11.-13. Februar 2011 im Bildungshaus Kloster Schwarzenberg der Franziskaner-Minoriten zu einem „Prophetischen Netzwerk“, um ihre Visionen von einem Ordensleben der Zukunft miteinander zu teilen und zu nähren.


In Zeiten des Umbruchs sind Propheten gefragt. Und Gott schickt sie auch auf den Weg. Der Franziskaner-Minorit Br. Leopold Mader (Postulat- und Noviziatsleiter) zeigte auf, wie das geschehen kann.

Zum Beispiel bei Mose. Worauf dieser sich nach seiner Gottesbegegnung im Dornbursch einließ, war alles andere als logisch oder vernünftig. Gott schickte ihn aus, sein Volk aus der Sklaverei zu befreien. Doch Mose schien dafür denkbar ungeeignet: Er musste sich aufgrund seiner Vergangenheit eigentlich versteck halten, war nicht sonderlich sprachgewandt und zudem schien dieser Befreiungsakt nach mehr als 400 Jahren Sklaverei mehr als unwahrscheinlich. Und doch: „Hier entsteht prophetische Existenz“, so Br. Leopold, „er geht einen Weg der nicht logisch, sondern translogisch ist.“ Translogisch, das heißt unter neuen Kausalgesetzen, die sich allein am Wort Gottes festhalten: Ich bin der Ich-bin-da. Alles beginnt mit dem Konditional: „Herr, wenn du der bist, der von sich gesagt hat Ich-bin-da, dann muss es einen Weg geben.“ Das galt für Mose und das galt auch für Abraham, mit dem Gott nicht weniger kühne Pläne hatte. So zog Abraham in gesetztem Alter los mit einer Verheißung, in eine Zukunft, die sich ihm erst auf dem Weg erschloss. Prophetisches Leben hat wenig mit Vernunft zu tun. Es ist ein Totalexperiment. Es bedeutet, die eingetretenen Pfade zu verlassen.
Br. Leopold: „So wird Gottes Name (Ich bin da) zum Straßennamen“.



Keine Frage, dass diese Straße nicht nur den biblischen Gestalten galt, sondern auch die Straße in die Zukunft des Ordenslebens ist. Die Steyler Missionsschwester Sr. Miriam Altenhofen (Leiterin der Deutschen Provinz) erarbeitete mit der Gruppe weitere Wesensmerkmale eines Propheten und brachte mit Martin Luther King auch ein Beispiel unserer Tage. Was machte ihn zum Propheten? In seiner berühmten Ansprache während des Marsches auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit wagt er es nicht nur, Missstände innerhalb der Gesellschaft zu verurteilen, sondern auch einen kühnen Traum von einer besseren Welt ins Wort zu bringen. Seine Sehnsucht nach Freiheit für alle ist eine Botschaft des Lebens, die eng verknüpft ist mit biblischen Vorstellungen des Gottesreiches. „Es ist die Aufgabe von Propheten“, so Sr. Miriam, „Unrecht zu benennen und Trost und Ermutigung zu schenken.“ Martin Luther widersetzte sich der Rassendiskriminierung – unsere Zeit ist geprägt von ähnlichen und anderen Herausforderungen: Migration, Globalisierung, Profitorientierung, Versöhnung und Frieden. „An uns liegt es, eine Gegenkultur zu bilden“, unterstrich Sr. Miriam die Rolle der Orden. Um diesem Anspruch gerecht zu werden bedarf es immer wieder eines aufmerksamen Hörens auf Gott, das eigene Innere und die Wirklichkeit. Es bedeutet auch, wider den Wind zu stehen und echte von falschen Propheten zu unterscheiden („an ihren Früchten“, Mt 7,16).

Mit diesen Ausführungen als Grundlage trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in kleinen Gruppen, um über die gegenwärtige Situation der Orden ins Gespräch zu kommen und darin den Anruf Gottes zu entdecken. Neben der Sorge um das, was zu Ende geht, schwang dabei auch viel Hoffnung und Zuversicht mit. Der Umbruch verleitet eben nicht nur zu Resignation, sondern setzt auch Kreativität frei, die sich in vielen kleinen Ansätzen (Vernetzung, intensivere Kommunikation, Besinnung auf das Wesentliche, verstärkte Partizipation aller) bereits Bahn bricht. Die geistliche Dimension (sich ganz auf Gott verlassen, miteinander beten, seelsorgliche Kompetenzen in den Dienst nehmen lassen) rückt wieder stärker in den Vordergrund.

Auch das „prophetische Netzwerk“ selbst ist ein Ansatz, der Hoffnung macht. Hier entstand eine Plattform, bei der Ordensmenschen verschiedener Gemeinschaften und Generationen unabhängig von Ausbildungsstufe oder (Leitungs-)Aufgabe miteinander ins Gespräch kamen – und auch weiterhin im Gespräch bleiben wollen.

Michaela Leifgen SSpS


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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:34