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Armut als produktiver Leitkonflikt
Um die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, um Norm und tatsächlich gelebtes Leben ging es auf der interdisziplinären Tagung „Gelobte Armut“ vom 17. bis 19. Februar 2011 in Paderborn.

Sie dient u.a. zur Vorbereitung der großen Franziskusausstellung von Dezember 2011 bis Mai 2012 im Diözesanmuseum Paderborn unter dem Titel: „Franziskus – Licht aus Assisi“.

Vorbereitet wurde sie von der Professur für Geschichte des Mittelalters der Universität Potsdam, der Fachstelle Franziskanische Forschung Münster und dem Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn. 117 Teilnehmende bildenden ein großes interessiertes Auditorium im Hörsaal der Theologischen Fakultät.


Das Tagungsthema spielte bewusst mit der doppelten Bedeutung des Begriffes „gelobt“: zum einen geht es um das geloben im Sinne des Gelübdes, um die versprochene Armut, zum anderen um das geloben im Sinne des Lobpreises auf die Armut. Wer ge-lobt welche Armut? Wie viel an Kontinuität und wie viel an Wandel lässt sich feststellen in den Armutskonzepten vom Mittelalter bis in die Gegenwart?


Blick in den gut gefüllten Hörsaal der Theologischen Fakultät

Die insgesamt 28 Vorträge waren in 6 Sektionen aufgegliedert:
Sektion I: Armut als religiös-soziologisches Phänomen im Mittelalter
Sektion II: Armut als Ärgernis und Herausforderung
Sektion III: ignorans sum et ideota: Der Orden im Spannungsfeld von Bildung und Armutsideal
Sektion IV: usus pauper: Der Streit um die Armutsforderung im Orden
Sektion V: Pauperisierung, Ordensverfall und –erneuerung: Armut im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit
Sektion VI: Soziale Frage und solidarische Armut – franziskanische Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert


Die Referentinnen und Referenten entstammten dem universitären Forschungsfeld von Mittelalter-, Ordens-, Kirchen-, Frömmigkeits-, Kunst-, Kultur- und Architekturgeschichte.

Aus der franziskanischen Familie referierte P. Leonhard Lehmann ofmcap über „Arm an Dingen, reich an Tugenden. Die geliebte und gelobte Armut bei Franz und Klara“, Bernd Schmies über „Gelobte und gelebte Armut. Mittelalterliche Minderbrüder zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, Gisela Fleckenstein (Bild links) über „Verwaltete Armut? Franziskaner in der Industriegesellschaft“.

Die einzelnen Aspekte können an dieser Stelle ob der Fülle der Vorträge nicht näher wieder gegeben werden. Der Tagungsband erscheint im Spätherbst rechtzeitig vor Beginn der Ausstellung.


Franziskanische Schwestern und Brüder in Vorfreude auf den öffentlichen Abendvortrag im Audimax

Zusammenfassend sei festgehalten: In der Schlussdis-kussion wurde deutlich, dass Armut als roter Faden in der Geschichte der franziskanischen Bewegung immer ein Streitfall war, der für produktive Unruhe sorgte. Armut stellte als selbst auferlegtes Stigma ein Exklusionsmoment der Franziskaner dar, mit dem sie in der Bevölkerung verbunden wurden. Armut verkörpert einen produktiven Leitkonflikt, der häufig zum Leidkonflikt wurde. Das gelebte Moment der Armut ist immer im sozialgeschichtlichen Kontext der jeweiligen Zeit zu sehen und zu bewerten. Auch ist die innerordentliche Binnenperspektive der Selbstwahrnehmung von der außerordentlichen Perspektive der Fremdwahrnehmung zu unterscheiden. Insofern ist die Frage, ob Armut als Ideal lebenspraktisch immer zum Scheitern verurteilt ist, differenziert zu betrachten. Dies gilt ebenso für das Wechselverhältnis zwischen Armut als spirituellem Element und der sozial-caritativen Hinwendung zu den materiell Armen, zwischen einer individuellen (manchmal individualistischen) und einer gemeinschaftlichen Sicht, zwischen Mystik und Politik, zwischen persönlichem Versagen und kollektiven Strukturen der Sünde, zwischen Selbstheiligung und Solidarität mit den Armen von heute. Die Tagung bot so wichtige Impulse für das Ringen um ein franziskanisches Armutsverständnis heute.



Sie freuen sich auf die Franziskusausstellung: P. Werinhard Einhorn ofm, Bernd Schmies (Leiter der Fachstelle Franziskanische Forschung) und Prof. Dr. Christoph Stiegemann (Leiter des Diözesanmuseums)

Flyer Tagungsverlauf: Download

Text und Bilder: Br. Stefan Federbusch


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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:34