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Worte, die bleiben
Vor 800 Jahren bestätigte Papst Innozenz III. die erste Regel für den Franziskusorden. In aller Welt blicken Menschen auf dieses Ereignis zurück.
Es gibt Publikationen und Symposien, Feiern und Besinnungen auf dieses so wichtige Ereignis.



Bernd Schmies, Leiter der Fachstelle Franziskanische Forschung in Münster, erläutert die Eckdaten dieses Jubiläums.

"Vor nunmehr 800 Jahren, im Frühjahr 1209 (oder 1210), wanderte der noch unbekannte Franziskus mit seinen ersten Gefährten in der Hoffnung nach Rom, dass der Papst ihm seine neue Lebensweise bestätigen würde. Er schaffte es tatsächlich, Innozenz III. vom evangeliumsinspirierten Leben in freiwilliger Armut sowie von seiner lebenspraktischen Predigt zu überzeugen. Papst Innozenz bestätigte mündlich die gewählte gemeinschaftliche Lebensform, die Franziskus ihm anhand von Evangelienzitaten vorgestellt hatte.

Der genaue Wortlaut dieser als »Urregel« bezeichneten Richtschnur frühfranziskanischen Lebens bleibt uns zwar unbekannt, dennoch stellt das Ereignis für die sich ausbildende Gemeinschaft von Brüdern eine entscheidende Wegmarke dar: Die Kirche in Person ihres obersten Repräsentanten hieß Franziskus' Anliegen und Ziele gut, und mit der »Urregel« besaß die Gemeinschaft nun einen Kompass, an dem sie sich fortan ausrichten und orientieren konnte.

Das Lebensmodell des Franziskus erwies sich in den folgenden Jahren als ausgesprochen erfolgreich: Seine Bruderschaft wuchs atemberaubend schnell - mit der unausweichlichen Konsequenz, dass das Zusammenleben der Minderbrüder immer deutlicher nach konkreten Regeln verlangte.
Franziskus nahm sich der Aufgabe an, die Regel von 1209 »mit Gottes Hilfe und dem Rat der Brüder« (Min 13) zu überarbeiten und legte 1221 einen neuen Regelentwurf, die später so genannte »Nichtbullierte Regel« vor, die jedoch nicht den Erwartungen und Wünschen aller Ordensbrüder und der römischen Kurie entsprach, denn sie erschien den Kritikern zu umfangreich sowie unstrukturiert und ließ eine rechtliche Klarheit vermissen.

Franziskus, der die Regel nicht als nüchternes Gesetzeswerk, sondern auch als ein geistliches Dokument verstand, beugte sich den Anforderungen an einen konsensfähigen Regeltext, der schließlich nach mehrfachen Überarbeitungen im November 1223 vorlag und von Papst Honorius III. in der Bulle »Solet annuere« bestätigt wurde. Inwieweit der als »Bullierte Regel« bezeichnete »endgültige« Regeltext noch die Handschrift des Franziskus trägt, ist eine bis in die Gegenwart diskutierte Frage. In ungezählten privaten, offiziösen und päpstlich approbierten Kommentaren und Erklärungen erfuhr die Regel wieder und wieder Interpretationen, Ergänzungen und Anpassungen an neue Zeit- und Ortsumstände.

Im Jahr 2009 feiern die franziskanischen Orden den 800. Jahrestag der Bestätigung der ersten Regel von 1209.
Sie erkennen in dem Ereignis gewissermaßen ihre »Geburtsurkunde« und nehmen den Anlass wahr, in vielen unterschiedlich ausgerichteten Veranstaltungen und Publikationen über die Regel und ihren Sitz im Leben der Gemeinschaften nachzudenken und zu diskutieren.
Daran beteiligt sich auch die Fachstelle Franziskanische Forschung (FFF) in Münster. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen und Initiativen der deutschsprachigen Provinzen des Ersten Ordens gibt sie Bücher zum Thema mit heraus und plant einen eigenen Beitrag in Form einer wissenschaftlichen Tagung. Schon im letzten Jahr ist in Zusammenarbeit mit der Werkstatt Franziskanische Forschung der erste Band einer Reihe »Materialien zur FranziskusRegel« erschienen: Unter dem Titel »Regel und Leben« (hrsg. von der Werkstatt franziskanische Forschung in Verbindung mit der Fachstelle Franziskanische Forschung, Norderstedt 2007) vereint das Buch Aufsätze, die »Lese-Schlüssel« zum Verständnis der Regel liefern und sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Regeltexten nähern. Ein nächster Band der Reihe erscheint im Jubiläumsjahr 2009, weitere sind geplant.

Ebenfalls mit Unterstützung der FFF ist ein anderes Buch in Vorbereitung, das einen bildreichen Einblick in die vielseitige Geschichte und vitale Gegenwart der franziskanischen Bewegung gewähren wird (»Inspirierte Freiheit. 800 Jahre Franziskus und seine Bewegung«, hrsg. von Thomas Dienberg, Niklaus Kuster, Marianne Jungbluth in Verbindung mit der FFF, erscheint im Frühjahr 2009 im Verlag Herder, Freiburg). Schließlich plant die FFF in Fortsetzung der Arbeit der Franziskanischen Akademie eine wissenschaftliche Tagung im November 2009, die sich dem Thema »Franziskanische Identität und Franziskusregeln. Historische Interpretation und gegenwärtige Praxis. 1209-2009« widmen wird."

Quelle: Kapuziner. Jahresschrift 2008/2009 – Berichte/Ereignisse/Fakten, S. 12-14.



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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:20